Teilzeit ist volkswirtschaftlich wichtig. Wie wichtig, wird in der aktuellen Debatte oft übersehen. Stattdessen wird regelmäßig darüber diskutiert, ob in Deutschland „wieder mehr gearbeitet“ werden müsse und ob die hohe Teilzeitquote ein Problem sei. Dabei basiert ein großer Teil dieser Debatte auf einem zentralen Denkfehler:
Denkfehler #1: Teilzeit ersetzt Vollzeit
Die zugrunde liegende Annahme lautet oft: Wer heute Teilzeit arbeitet, würde ohne Teilzeit einfach Vollzeit arbeiten. Doch so funktionieren Lebensrealitäten selten.
Teilzeit bedeutet weniger Einkommen, geringere Rentenansprüche und weniger finanzielle Absicherung. Aus individueller Perspektive ist Vollzeit in vielerlei Hinsicht attraktiver. Nur wenige Menschen arbeiten in Teilzeit, weil sie Vollzeit grundsätzlich ablehnen. Sie arbeiten Teilzeit, weil Vollzeit unter ihren Lebensumständen nicht realistisch ist. Die relevante Alternative zu Teilzeit ist deshalb häufig nicht Vollzeit, sondern Nichterwerbstätigkeit. Oder eine deutlich geringfügige Beschäftigung.
Die eigentliche Frage lautet also nicht: Teilzeit oder Vollzeit?
Sondern: Teilzeit oder gar keine Erwerbstätigkeit?
Gerade bei Menschen mit familiären Verpflichtungen macht Teilzeit einen erheblichen volkswirtschaftlichen Unterschied. Denn Teilzeit ermöglicht Erwerbsarbeit überhaupt erst.
Was Teilzeit volkswirtschaftlich ermöglicht
Wenn Teilzeit dazu führt, dass mehr Menschen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, entstehen Effekte, die in der öffentlichen Debatte oft untergehen.
Mehr Menschen:
- zahlen Steuern
- leisten Beiträge zu den Sozialversicherungen
- erhalten und entwickeln ihre beruflichen Kompetenzen weiter
- bleiben für Arbeitgeber und Arbeitsmarkt verfügbar
Deutschland weist neben hoher Teilzeitquoten eine sehr hohe Erwerbstätigenquote auf. Besonders die Erwerbsbeteiligung von Frauen liegt im internationalen Vergleich auf einem hohen Niveau. Teilzeitmodelle sind ein wesentlicher Grund dafür.
Warum manche Zahlen ein verzerrtes Bild erzeugen
In der öffentlichen Debatte wird häufig auf OECD-Zahlen verwiesen, nach denen Beschäftigte in Deutschland vergleichsweise wenige Stunden pro Jahr arbeiten. Diese Zahlen werden oft als Beleg dafür genutzt, dass „zu wenig gearbeitet“ werde. Das Problem ist: Die Kennzahl beantwortet diese Frage gar nicht. Sie misst die durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden pro beschäftigter Person.
Was sie nicht abbildet:
- wie viele Menschen überhaupt erwerbstätig sind
- wie hoch die Erwerbsquote ist
- wie viele Menschen durch Teilzeit überhaupt erst am Arbeitsmarkt teilnehmen können
Deshalb kann die Kennzahl sinken, obwohl insgesamt mehr Menschen arbeiten. Oder sogar mehr Arbeitsstunden geleistet werden. Vereinfacht gesagt: Wenn zusätzliche Teilzeitkräfte in den Arbeitsmarkt eintreten, sinkt möglicherweise die durchschnittliche Stundenzahl pro Kopf. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der Erwerbstätigen.
Und häufig auch das gesamte Arbeitsvolumen.
Die OECD-Kennzahl wird schlechter. Die Realität nicht.
Deshalb weist die OECD selbst darauf hin, dass diese Kennzahl vor allem zur Beobachtung zeitlicher Entwicklungen gedacht ist – nicht für einfache Vergleiche zwischen Ländern. Die OECD sagt auch nichts darüber, ob eine höhere oder niedrigere Kennzahl besser oder schlechter ist. Sie wertet nicht, sie rechnet nur.
Die Frage nach der richtigen Messgröße
Wenn wir über volkswirtschaftliche Auswirkungen sprechen, sollten wir uns deshalb fragen, welche Größen wirklich relevant sind. Die durchschnittliche Stundenzahl pro Kopf mag interessant und vielleicht auf den ersten Blick sogar sinnvoll klingen. Sie sagt jedoch wenig darüber aus,
- wie viele Menschen am Arbeitsmarkt teilhaben
- wie hoch das gesamte Arbeitsvolumen ist
- wie produktiv diese Arbeitsstunden sind
- wie nachhaltig das System langfristig funktioniert
Für die volkswirtschaftliche Bewertung sind deshalb andere Fragen relevanter:
- Wie hoch ist die Erwerbsquote?
- Wie viele Menschen bleiben dem Arbeitsmarkt erhalten?
- Wie hoch ist das gesamte Arbeitsvolumen?
- Wie produktiv werden die geleisteten Stunden genutzt?
- Wie tragfähig ist das Modell über Jahrzehnte hinweg?
Denkfehler #2: Teilzeit verursacht den Fachkräftemangel
Auch diese Schlussfolgerung greift zu kurz. Fachkräftemangel entsteht nicht dadurch, dass Menschen Teilzeit arbeiten. Er entsteht dort, wo Menschen dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung stehen. Genau das verhindert Teilzeit häufig. Ohne Teilzeitmodelle würden viele qualifizierte Fachkräfte ihre Arbeitszeit nicht erhöhen. Sie würden ihre Erwerbstätigkeit reduzieren, unterbrechen oder ganz aufgeben. Teilzeit hält Fachkräfte im Arbeitsmarkt. Sie ersetzt sie nicht.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in der Debatte oft übersehen wird:
Teilzeit verändert weder Qualifikation noch Kompetenz. Eine Fachkraft bleibt eine Fachkraft. Eine Führungskraft bleibt eine Führungskraft. Dennoch werden Teilzeitbeschäftigte häufig anders wahrgenommen. Verantwortung wird ihnen seltener zugetraut, Entwicklungsmöglichkeiten werden eingeschränkt und anspruchsvolle Aufgaben häufiger in Vollzeit verortet.
Der Fachkräftemangel entsteht deshalb nicht nur dort, wo Menschen dem Arbeitsmarkt fehlen. Sondern auch dort, wo vorhandene Kompetenzen nicht vollständig genutzt werden. Würden Organisationen konsequenter Strukturen schaffen, die verantwortungsvolle Fach- und Führungsrollen auch in Teilzeit ermöglichen, würde ein erheblicher Teil der vermeintlich fehlenden Fach- und Führungskapazität plötzlich sichtbar werden.
Teilzeit hält Fachkräfte also nicht nur im Arbeitsmarkt. Sie kann vorhandene Kompetenzen nutzbar machen, die sonst übersehen, unterschätzt oder ungenutzt bleiben.
Denkfehler #3: Teilzeit schwächt die Wirtschaft
Auch diese Aussage setzt voraus, dass Vollzeit die realistische Alternative wäre. Die relevante Vergleichsgröße lautet aber Nichterwerbstätigkeit.
Unter dieser Perspektive wird deutlich: Teilzeit erhöht die Arbeitsmarktteilnahme, erhält Qualifikationen und ermöglicht vielen Menschen überhaupt erst eine langfristige Erwerbsbiografie. Was oft in der Betrachtung fehlt: Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes hängt nicht nur davon ab, wie viele Stunden heute gearbeitet werden. Sondern auch davon, wie lange Menschen dem Arbeitsmarkt insgesamt erhalten bleiben.
Nicht jede Tätigkeit, nicht jede Lebensphase und nicht jede Kombination aus Erwerbsarbeit und anderen Verpflichtungen ist dauerhaft vollzeittauglich. Teilzeit kann Überlastung verhindern. Sie kann dazu beitragen, dass Menschen ihre Erwerbstätigkeit über viele Jahre hinweg aufrechterhalten, statt ihre Arbeitszeit immer wieder drastisch reduzieren zu müssen, krankheitsbedingt auszufallen oder den Arbeitsmarkt ganz zu verlassen.
Volkswirtschaftlich relevant ist deshalb nicht nur die Zahl der heute geleisteten Stunden. Sondern auch die Frage, ob ein Arbeitsmodell langfristig tragfähig ist. Denn eine Wirtschaft profitiert nicht automatisch davon, wenn Menschen kurzfristig mehr arbeiten. Sie profitiert davon, wenn möglichst viele Menschen ihre Fähigkeiten dauerhaft einbringen können.
Teilzeit trägt deshalb in vielen Fällen trägt sie dazu bei, Erwerbsarbeit überhaupt möglich und langfristig tragfähig zu machen.
Die eigentliche Frage
Die entscheidende volkswirtschaftliche Frage lautet nicht: „Arbeiten zu viele Menschen Teilzeit?“
Und auch nicht: „Wie viele Stunden arbeitet jede einzelne Person?“
Die erste relevante Frage lautet: „Wie viele Menschen können überhaupt am Arbeitsmarkt teilnehmen?“
Denn Erwerbsquote, Teilhabe und die Nutzung vorhandener Kompetenzen sagen volkswirtschaftlich deutlich mehr aus als die durchschnittliche Stundenzahl pro Kopf.
Und genau an dieser Stelle wird eine zweite Frage interessant: „Warum arbeiten Menschen eigentlich Teilzeit?“ Wer diese Frage stellt, landet schnell bei Betreuung, Pflege, Gesundheit, Weiterbildung, Ehrenamt oder anderen Lebensrealitäten außerhalb von Erwerbsarbeit.
Die Teilzeitquote wird damit zum Hinweis auf Rahmenbedingungen. Und daraus ergibt sich schließlich die eigentliche Nagelprobe: „Was würde passieren, wenn Teilzeit als Möglichkeit wegfiele?“
Würden all diese Menschen tatsächlich Vollzeit arbeiten? Oder würden viele von ihnen ihre Erwerbstätigkeit reduzieren, unterbrechen oder ganz aufgeben? Erst wenn wir diese Fragen beantworten, können wir sinnvoll über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Teilzeit sprechen.
Wenn wir überhaupt ein Teilzeitproblem haben, dann liegt es nicht darin, DASS Menschen Teilzeit arbeiten. Sondern in den Gründen, WARUM sie es tun.
Und vielleicht führt genau diese Frage noch einen Schritt weiter. Denn wenn ein großer Teil der Bevölkerung seine Erwerbsarbeit dauerhaft reduzieren muss, um Familie, Pflege, Weiterbildung, Gesundheit oder andere Verantwortungen unterzubringen, dann sollte möglicherweise unser Verständnis von Vollzeit der eigentliche Fokus sein. Darüber schreibe ich im nächsten Beitrag.
